Tödliche Träume

Hallo ihr Lieben, heute habe ich eine Kurzgeschichte von einer Freundin die super gerne schreibt. Ich hoffe sie gefällt euch und wenn ihr noch mehr von ihr lesen wollt, schreibt es in die Kommentare!!

Eure Coulor♥

 

Tödliche Träume

 

„Anastasia!“, rief er in die schneidende Kälte hinein. Stille. Sein Blick wanderte über die immer ähnlicher werdenden Bäume, den ewigen kalten Wald. Ohne auch nur den Funken einer Hoffnung. Schwer stapfte er mit den Schuhen durch den Schnee. „Anastasia“, seine Stimme wurde immer kläglicher. Gestern  Abend war sie noch da gewesen. Neben ihm, im Bett. War ganz ruhig eingeschlafen, so schön wie immer hatte sie ausgeshen. Seufzend ließ er sich auf einen Baumstamm sinken. Natürlich hatte er sich am Anfang noch keine Sorgen gemacht. Sie mochte es morgens erst mal aus der Hütte zu gehen und die Natur zu genießen. Wer kam denn schon auf die Idee, dass sie hier, ja hier, im nirgendwo Abhanden kommen würde, schließlich war sie schon längst Erwachsen. Würde nie wie ein kleines Kind in den Wald rennen und sich verlaufen. Trotzdem war sie weg. Und mit ihr verschwunden der blöde Köter von seiner Tante, dessen Namen er immer vergaß. Verloren fingerte er an dem Verlobungsring. Es war alles noch so frisch, noch nicht mal der Hochzeitstermin stand fest. Da konnte sie doch nicht schon…. Nein, sie war ja noch nicht…. Er stöhnte auf. Nur wegen seiner Tante!

Wer ist denn schon so weltfremd und zieht in die sibirische Pampa? Klar ist es hier idyllisch und hier bist du du selbst, weißt wer du bist. Kein überflüssiger Schnick schnack, wie man es gewohnt ist. Verärgert zupfte er ein paar Nadeln von den Tannen ab, oder was auch immer diese Bäume waren. Als wäre es gestern gewesen konnte er sich an die Worte seiner Mutter erinnern ; „Hier eure Flugtickets! Das ist mein Verlobungsgeschenk für euch. Nach Russland. Zu deiner Tante, Emil. Jetzt zieh doch nicht so ein Gesicht! Anastasia freut sich ja auch. Sieh doch mal, so könnt ihr euch doch mal so richtig kennenlernen, die 4 Wochen lang. Ist auch in euren Semesterferien, hab extra drauf geachtet.“ Er lachte bitter. Super kennenlernen. Eher so eine Findungsreise was? Trocken lachte er in die Kälte und sein Atem bildete eine Eiswolke. Widerwillig stand er auf. Er war so allein hier. Ganz allein, schon seit Stunden. Kein Tier, noch nicht mal Wolken waren am Himmel. Er drehte sich noch mal zu der riesigen Lichtung um und ging dann so schnell wie möglich von ihr weg. Als könnte die Lichtung seine Einsamkeit und Verlorenheit widerspiegeln. Endlose Minuten vergingen und immer noch kein Lebenszeichen von ihr. Generell von niemandem. Alles wirkte wie ausgestorben. „Anas…“, wollte er schreien. Dann unterbrachen ihn die Fußspuren. Das waren nicht seine. Das waren, das waren…. Er konnte es kaum glauben.

Sein Herz pochte vor wilder Aufregung und Erleichterung. Wie von einer unsichtbaren Macht gelenkt steuerte er benommen auf die tiefen Abdrücke im Schnee zu. Ja, die waren auf jeden Fall menschlich und so zierlich, dass sie sogar….

Durch eine wundervolle Stimme wurde sein Gedankenlauf erneut gestört. „Emil ! Du bist endlich hier“, flüsterte Anastasia und doch hallten ihre Worte in dem klirrend kalten Wald wieder wie ein Kanonenschuss. Erwartungsvoll drehte er sich der Stimme entgegen. „Anastasia“, hauchte er, als er sie endlich erblickte. Niemals hatte sie schöner ausgesehen, dachte er sich. Ihre lange lockige Mähne sah aus wie Glühende Lava, die sich den Weg Richtung Erde bahnte. Die von der Kälte geröteten Wangen hoben sich stark von der porzellanzarten Haut ab. Wie immer wenn er ihre zierliche Erscheinung sah, musste er an einen sibirischen Tiger denken. Sie sieht genauso elegant und zeitlos schön aus wie eines dieser majestätischen Geschöpfe und ist trotzdem so stark und durchsetzungsfähig wie ein Tiger, wie ein echtes Raubtier.

Seufzend wollte er sich ihr nähern, doch als er den ersten schwerfälligen Schritt tat, drehte sie sich um und verschwand hinter einem mächtigen alten Baum. „Komm mit mir, mein Liebster. Ich will dir etwas zeigen!“ Schnell spähte er hinter den Baum, doch anstatt sie zu fassen zu bekommen, blickte er ihr verwundert hinterher, während sie zwischen knorrigem, vereistem Gestrüpp verschwand. Was soll das denn werden?, fragte er sich erschöpft.

Klar liebe ich ihre Spontanität, eine Eigenschaft, die ich auch an mir selbst sehr schätze. Aber ich bin schon seit Stunden unterwegs und völlig verfroren. Im Moment ist nicht gerade der beste Zeitpunkt für Scherze.

Stöhnend rief er ihr nach: „Anastasia. Komm schon, ich will zurück.“ Doch statt einer Antwort bekam er nur ein glockenhelles Lachen von ihr. Nun, dachte er sich. Ich konnte ihr noch nie etwas abschlagen. Der heute so geheimnisvollen Frau hinterher, zwängte er sich durch die peitschenartigen und dornigen Büsche.

Plötzlich stand sie ganz dicht vor ihm, als hätte sie auf ihn gelauert. Zittrig schüttelte er den Kopf, um diesen gruseligen Vergleich aus seinem Kopf zu bekommen. 

Lachend lies sie sich in seine Arme sinken und er beobachtete gebannt wie sich ihre tief roten seidigen Haare dabei selbstständig zu machen schienen. Fröhlich lies er sich von ihrem Lachen anstecken und konnte seine Augen gar nicht mehr von den ihren abwenden, die fast so strahlend königsblau waren wie der Mantel, den sie trug. Plötzlich ernster, streckte sie sich sanft zu ihm hoch, denn er überragte sie um fast einen Kopf. Zart berührten sich ihre Lippen und er zog sie an ihrer Taille näher an sich. Dieser kleine Kuss löste ein Feuerwerk in ihm aus und überall wo er sie berührte schien er wie elektrisiert zu sein.

Verlegen, wie als er sie zum ersten mal geküsst hatte, zog sie ihren Kopf zurück und grinste ihn breit an. Als sie den Blick senkte, sobald er ihre behandschuhte Hand nahm, sah er, dass sowohl ihre schwarz geschminkten Wimpern als auch ihre kupferroten Augenbrauen voller Eiskristalle waren. Er streckte die Hand aus, um ihre Wange zu berühren. Sie war wahrscheinlich völlig unterkühlt in den dünnen Jeans und dem schmalen Mantel. Es waren schließlich mindestens -15°C ! Wie als hätte er sie unsittlich berühren wollen, machte sie einen zaghaften Schritt zurück und ihre Miene versteinerte sich. „Was ist denn?“, fragte er sie verwirrt. Sie atmete tief ein und wieder aus. Dann schüttelte Anastasia den bildhübschen Kopf und fing wieder an zu lächeln. Zart, wie eine Elfe ging sie erneut auf ihn zu und nahm sein Gesicht in ihre Hände. Vorsichtig schloss er seine Augen und lies sich von ihr einen hauchzarten Kuss auf die Lippen drücken. Als er die Augen aufschlug war sie weg. Er stolperte ein paar Schritte zurück und stieß beim Atmen riesige Eiswolken aus. Geschockt sah er sich um. Sie war doch gerade noch hier gewesen. Benommen fasste er sich an die Wange wo ein paar Sekunden vorher noch ihre Hände gelegen hatten. Er öffnete den Mund, um nach ihr zu rufen, aber seine Kehle war wie zugeschnürt. Aus irgendeinem Grund traute er sich nicht mehr ihren Namen auszusprechen.

„Emil! Emil! Hilfe …. Emil!“, ihre zunächst angstverzerrte und schließlich wimmernde Stimme hallte durch die endlose Einsamkeit. Sofort schoss ihm ein Bild von ihr in den Kopf, in dem Anastasia von einem Rudel blutrünstiger Wölfe umgeben ist oder noch Schlimmeres. Wahrnehmungslos rannte er los. Der Stimme entgegen, der Stimme, die zu der Frau gehörte, der er doch geschworen hatte sie immer zu beschützen! Ihre Stimme schien mal von rechts mal von links zu kommen. Je länger er herum stapfte, desto orientierungsloser wurde er. Er hörte nur noch ihre Hilferufe, die so laut zwischen den kahlen, fast leblosen Bäumen hallte. Schwer keuchend stütze er sich an einem dicken Stamm ab. Ihre Schreie waren mittlerweile fast schon eine höhnische Lache, die gar nicht daran dachte sich von ihm helfen zu lassen. Wo ist sie bloß? Sein Kopf fühlte sich an wie als wäre er in Watte eingehüllt, er wusste weder wo vorne, hinten, oben oder unten war. Alles schien zu Kippen und er hörte nur noch Anastasias Gesäusel. Plötzlich taten sich Löcher im Schnee auf. Wie Fußspuren, dachte er. Emil sah genauer hin. Es waren tatsächlich Fußspuren, die durch den Schnee stapften, nur ohne einen Besitzer. Und kaum waren sie getreten, waren sie auch schon wieder weg. Sein Herz klopfte. Diesmal vor Angst nicht vor Anstrengung. Vorsichtig sog er die schneidend kalte Luft ein. Das hatte sicher einen logischen Grund, dachte er sich. Wahrscheinlich ein seltenes Naturschauspiel. Er schluckte. Als er aber die wundervolle Stimme seiner Verlobten direkt aus der Richtung, der stehen gebliebenen Fußspuren wahrnahm, wurde ihm klar, dass dies ganz eindeutig kein Naturschauspiel war! „Mein Liebster, rette mich“, säuselte sie, „bitte….“, dieses letzte Wort klang wie ein seufzendes Wimmern. Vor Schreck ging er ein paar Schritte zurück. Sie war doch gerade noch da und sie hatte doch… Aber sie kann doch nicht… Seine Gedanken überschlugen sich und er wollte nur noch weg, weg von diesem leblosen, Unglück verheißendem Ort. Die Bäume schienen einem dem anderen bis aufs kleinste Detail zu gleichen. Die scharfen, kahlen Äste schienen ihm so, als würden sie so hoch wachsen wollen, bis sie den Himmel erreicht haben, um ihn zu zerkratzen und aufzuspießen mit den langen Armen, die aus den Stämmen ragten.

Gerade als er sich umdrehen wollte, um zu fliehen, hörte er jemanden etwas sagen. Die Person war wütend. Er schluckte. Ihm war so schlecht. Wieder musste er sich an einem Baum abstützen. Was passierte nur gerade? Wieder hörte er etwas. Diesmal lauter. So laut, dass er es ganz deutlich verstehen konnte.

„Tu was ich sage. Geh schon los oder es ist zu spät, mein Geliebter“, hallte es donnernd in seinem Kopf wieder. Plötzlich wurde alles um ihn herum verschwommen, als würde er durch Milchglas blicken. Von einer unsichtbaren Macht geführt und gegen seinen Willen ging er in die Richtung der Fußspuren, die mittlerweile sicher schon verschwunden waren. Innerlich schrie er, war verzweifelt, schlug auf das ein, was hin zu locken schien. Rasende Angst schwappte über ihn, die sich wie ätzende Wellen in ihm ausbreiteten. Aber er ging ungerührt weiter. Sagte nichts und gab keinen Laut von sich, außer das Knirschen unter seinen schweren Stiefeln, das nur schwach zu ihm drang, obwohl es weit und breit das einzige Geräusch war, unter dem strahlend blauem Himmel. „Geh zum See, Emil. Geh und rette mich“, hallte ihre zarte Stimme erneut durch seinen Kopf. Langsam wurde er wieder Herr über seinen Körper und Geist und das schleimige Gefühl verschwand mit der Gänsehaut, die er zuvor gar nicht bemerkt hatte. Er fand sich am anderen Ende des vergleichsweise kleinen Sees wieder oder besser einem sehr großem Teich. Von hier aus sah er hinter einigen Bäumen versteckt die zwei Holzhütten. Sie sahen von hier mehr wie kleine Abstellkammern aus als wie echte Häuser mit dicken Wänden. Er sah sich um, um zu verstehen, was passiert war und warum Anastasia oder was auch immer das gewesen ist, wollte, dass er zum See ging. Zunächst konnte er nur vereistes Gestrüpp am Rand des Sees und die Spiegelglatte Eisfläche des Wassers erkennen, das im Frühling wieder Leben beinhalten würde. Nicht so wie jetzt. Doch dann fiel ihm etwas ins Auge. Nein… nein bitte nicht Rusty… Wie grausam!

Tränen stiegen ihm in die Augen, als er den armen Kerl an einem Strick hängen sah. Wie soll ich das bloß Tante Bettina erklären? Sie hat diesen dummen Hund geliebt. Betrübt ging er zu ihm hin. Schließlich konnte er nicht hier hängen bleiben und damit wilde Tiere anlocken! Als er vor dem so verhasstem Köter stand wurde ihm übel. Welcher Mensch ist dazu fähig einem unschuldigem Tier, was man noch nicht mal essen kann, so weh zu tun und ihm ein so unwürdiges Ende zuzumuten? Der ganze Bauch des Jagdhundes war aufgeschlitzt und die Gedärme hingen teilweise aus dem kleinen Leib des Hundes. Zum Glück stinkt er noch nicht, weil die Kälte die Verwesung hinauszögert, dachte er wenig erfreut. Alle paar Sekunden tropfte ein einzelner Tropfen Blut auf das durchsichtige Eis. Jedes mal durchfuhr Emil bei dem Geräusch ein Schauer. Die Augen auf das Seil geheftet holte er das Taschen-Messer raus, um Rusty von dem Ast runter zu holen. Er konnte sich gar nicht mehr erinnern was er hier machte, warum er hier war und wieso er so ein unangenehmes Gefühl hatte. Er schüttelte sich aus einem Instinkt heraus. Ihm war eiskalt! Wie lange war er schon unterwegs? Erschöpft und ein wenig verwirrt hob er die Hände, um das Seil zu durchtrennen. Als er wieder das tropfende Geräusch hörte sah er zu Boden und er erschrak sich zu Tode. Sein Brüllen hallte kurz über den Stillen See und das Messer in seiner Hand fiel klirrend nieder. Ihr schönes Gesicht lag dicht unter der Eisoberfläche in Wasser gehüllt. Ihre Haut war fast so weiß wie der Schnee und aus ihr schien jegliche Farbe gewichen.

Nur der strahlend blaue Mantel und die züngelnden lavafarbenen Haare stochen stark von ihrem bleichen Gesicht und dem tiefem Wasser ab. Schlagartig fiel ihm alles wieder ein und er ging zitternd in die Knie, er konnte nichts mehr denken. Nur noch für Schmerz und sie waren Platz in seinem Universum. Heiße Tränen rannen ihm die Wangen runter. „Anastasia“, schrie er voller Trauer und unglaublicher Verzweiflung. Das darauffolgende Echo bemerkte er nicht. Sie war tot und er konnte sie nicht mehr retten! Aber war sie vorhin nicht noch da gewesen? Waren die Fußspuren ihr Geist gewesen? Eine bedrohliche Angst kroch in ihm hoch. Seine Tränen tropfen auf das Eis und wieder fiel er in eine Art Trance. Ein quietschendes Geräusch war zu hören. Eigentlich ganz leise, aber für ihn unendlich laut. Benommen sah er sie an.

 

 

Plötzlich riss sie ihre dunkelblauen Augen auf, genauso ihren Mund, der ihn anzuschreien schien.Wild kratzte sie gegen das Eis und sah aus  wie eine tödliche Hexe. Während er entsetzt aufsprang hallte ihr lautes höhnisches Lachen wider. Dann wurde alles schwarz.

 

 

                                            *  *  *

 

 

Laut brüllend und voller Angst schlug er seine Augen auf. Das war nicht Anastasia, das war ein böser, ein böser Geist… sie würde niemals… Das kann doch alles gar nicht möglich sein!

Wild pochte sein Herz gegen die muskulöse Brust und Adrenalin strömte durch seine Adern. Seine Augen taten von dem plötzlichen Licht weh. „Emil! Jetzt beruhige dich doch. Das war alles nur ein Traum!“, rief eine zarte Stimme neben ihm. Schwer atmend sah er sich um. Anastasia lag neben ihm im Bett, in ihrer gemeinsamen Wohnung und nicht im Eiswasser. Sie lag halb über ihn gelehnt in einem dunkelrotem Top, dass sie meist zum Schlafen anzog. Sie sah ein bisschen abgekämpft aus. Wahrscheinlich hatte sie versucht mich wachzurütteln die Arme!, dachte er ein wenig verlegen, denn die zierliche Anastasia konnte gar  nichts gegen ihn bewirken. Er war schließlich ca. 1,95m und sie kurz unter 1,70m und man musste schon sagen, er hatte ziemlich breite Schultern und war sehr muskulös, ganz im Gegensatz zu der schmalen Schönheit, die ihn sorgenvoll musterte. Seufzend umschlang er sie und drückte sie an sich. Erleichtert sog er den blumigen Duft ihrer rot gelockten Haare ein, die viel kürzer waren, als in dem schrecklichen Alptraum. Auf einmal fiel ihm wieder alles ein. Verstohlen betrachtete er den Ring, an seiner linken Hand. Sie waren schon längst verheiratet und der Urlaub lag schon einige Jahre zurück, außerdem war er im Sommer gewesen. „Ich hab gedacht du wärst tot, Ana“, flüsterte er mit einem Kloß im Hals seiner Frau zu. Sie lehnte sich zurück und er lockerte den Griff um sie. Liebevoll lächelte sie ihn an und streichelte hauchzart seine Wange. „Soll ich dir Eier mit Speck und meinen berühmten Obstsalat machen, Schatz? Von gutem Essen am Morgen, verfliegen Kummer und Sorgen! Oder so ähnlich“, sagte sie lachend, ganz anders und viel herzlicher als im Traum. Erleichtert seufzte er. „Mit Kaffee Latte und Würstchen?“, fragte er wie ein kleiner Junge, der bei seiner Mutter, um sein Lieblingsessen bettelte. Breit lächelnd meinte sie: „Klar! Ich hab doch gestern frisch eingekauft“, sie wollte gerade aufspringen, um alles für ihn vorzubereiten, doch ihn überfiel plötzlich so ein schreckliches Gefühl. Aus einem Instinkt heraus packte er sie, etwas zu grob, am  Arm und zischte: „Nein bleib hier.“ Sie runzelte verwirrt die Stirn und zog fragend eine Augenbraue hoch. Ertappt spannte er den Kiefer an. Was ist denn nur los mit mir? Der Traum muss mir wohl noch ganz schön in den Knochen sitzen. „Ich äh…“, setze er stammelnd an, bevor ihm eine Notlüge einfiel: „Zuerst musst du mich noch ein bisschen trösten“, sagte er verführerisch und zog sie zu sich runter und küsste sie auf den Mund. Kichernd flüsterte sie: „Ach so ist das! Brauch der arme kleine Emil ein bisschen Ablenkung?“ Sie bedeckte sein Gesicht gerade mit zuckersüßen Küssen, als der Hund bellte. Wieder fiel ihm ein weiteres Detail ein. Der Hund von Tante Bettina war eine Hündin gewesen und gerade schwanger, als sie zu Besuch gewesen waren. Sie hatten einen von den drei kleinen Welpen mitgenommen und ihn Rusty genannt. Stöhnend sprang Anastasia von ihm runter und rief dem Hund zu: „Rusty! Kann man dich nicht ein mal allein lassen, du verwöhnter Köter?“ Sie ging zielstrebig auf die Tür zu und wollte sie gerade aufreißen. Doch in diesem Augenblick erkannte Emil die Gefahr, selbst wenn man noch nichts davon merkte. Wie von der Tarantel gestochen sprang er auf und war mit zwei großen, schnellen Schritten bei ihr. Er umschlang sie und zerrte sie ein paar Meter weg von der Tür und hielt ihr dabei den Mund zu. Denn sie neigte dazu unpassend laut auf zuschreien, wenn man sie erschrak. Als er die Hand von ihrem Mund nahm zischte sie ihn empört an: „Sag mal bist du jetzt völlig übergeschnappt?“ Wütend versuchte sie sich gegen seinen Klammergriff zu wehren, aber ihre Abwehrversuche machten ihm ungefähr soviel aus, wie ein Mückenstich. „Willst du mir verraten was dich dazu veranlasst mir….“, weiter kam sie nicht, denn er unterbrach sie mit verschwörerischen Worten: „Sei endlich still. Ich glaub da draußen ist irgendwer oder irgendwas.“ Misstrauisch, aber eindeutig ängstlich sah sie ihn an. Als sie seinen ernsten Blick sah, sah sie erschrocken zur Tür. Jetzt wo sie endlich leise war, konnte man den Hund wieder ganz deutlich hören. Er klang nicht, wie zuerst vermutet, als wollte er Aufmerksamkeit haben oder sein Futter, viel mehr klang er ängstlich und ein wenig warnend. Aufgeregt kratzte er an der Tür. Man hörte ein dumpfes Klackern, das eine gewisse Ähnlichkeit mit Schritten hatte, dann hörte das Kratzen auf und zuerst knurrte der Hund und anschließend winselte er. „Emil“, flüsterte Anastasia mit zitternder Stimme und krallte dabei ihre Hände in seinen Arm. In ihm spannte sich alles an. Dazu bereit sein zu Hause und seine Frau zu beschützen. Wütend starrte er auf die Tür. Wieso musste ich schon wieder einen dieser grässlichen Träume haben? Wieso kann nicht jemand anderem so etwas passieren? Er erinnerte sich verbittert an den Tod seines Vaters und an den Tag als seine kleine Schwester anrief und weinend erzählt hatte, dass sie Leukämie hätte. Jedes mal hatte er davor einen gruseligen Traum über eine Begegnung mit diesen Personen gehabt. Jedes mal war er im Traum mit ihnen allein gewesen und jedes mal war es eiskalt im Traum. Und immer hatten die Personen sich dabei ganz anders und irgendwie trotzdem ein wenig ähnlich zu sonst verhalten. Das erste mal hatte er einen solchen Traum, als er noch ganz klein war. In der Grundschule oder so. Sein bester Freund damals, war mit ihm im Schwimmbad gewesen, hatte er geträumt. Es war aber niemand außer ihnen da gewesen und es war schrecklich kalt. Sein Freund, Ben hatte er geheißen, war schon ganz blau gewesen und er hatte schlimme Augenringe. Ben wollte ihm etwas zeigen und ist dann hinter einem Gebüsch verschwunden, sowie Anastasia heute Nacht. Als er ihm hinterher laufen wollte, lagen nur noch seine Klamotten im Gebüsch und ein Zettel auf dem Hilfe stand. Am nächsten Tag, hatte Emil dann erfahren, dass Ben entführt worden ist. Zwei Monate später hat man seine Leiche auf einem Kinderspielplatz gefunden. Weitere Bilder von vielen anderen träumen kamen in ihm hoch. Er sah vor seinem inneren Auge, wie seine Schwester schreiend in bitterkalten Wellen ertrank, an einem Stand, den noch kaum ein Mensch gesehen hatte. Als er ihren leblosen Körper versuchte zurück ans Ufer zubringen, wurde er mit ihr in die Tiefen des Meeres gezogen, von einem starken Strudel und ist Luft ringend aufgewacht. Ihm fiel seine Lehrerin ein, die hübsche Mathe-Lehrerin, die gehen musste, weil schwanger geworden ist. In den Herbstferien hatte er von ihrem Kind geträumt. Es war ca. 2 Jahre alt und hatte schrecklich süß ausgesehen mit den schwarzen Haaren und den blauen Augen. Der kleine Junge hatte auf seinem Schoß gesessen und ständig gefragt wo seine Mama sei. Und geweint hatte er auch. Erst als er ihm gesagt hatte, dass seine Mama irgendwann wieder kommen würde und sie ihn sicher ganz doll lieben würde, hat er aufgehört zu weinen und ist eingeschlafen. Und Emil daraufhin aufgewacht. Ja, fünfzehn ist er damals gewesen, als die Frau mitten in der Stunde zusammenbrach und der Krankenwagen kam. Zwei Wochen nach diesem Traum hatte sie ihr Kind verloren, im sechsten Monat.

Von dem plötzlichen Gebell des Hundes kam Emil wieder in die Realität zurück, die wesentlich wirklicher war als diese Träume, aber genauso furchteinflößend. Schnell hastete er so leise wie möglich zu dem großen, weißen Schrank gegenüber des Bettes und zog Anastasia dabei mit sich. Er wusste nicht was sich da draußen abspielte, aber es war gefährlich. So gefährlich, wie seine Träume. Dieses mal jedoch wollte er sich nicht dem Schicksal unterordnen! Vor drei Jahren kam er zu spät für seinen Vater, aber nein! Sie wird er nicht sterben lassen. Fast geräuschlos schob er sie in den Schrank, in der Hoffnung dort wäre sie sicher. Leise flüsterte er ihr zu: „Bleib hier und gib keinen Ton von dir, bis ich wieder komme, okay?“ Ängstlich und sorgenvoll flüsterte sie: „Und was mach ich, wenn du nicht wieder kommst?“ Er runzelte die Stirn. Sie erkannte die Gefahr. Anastasia wusste von den Träumen und was danach geschehen war. Sie wusste, dass etwas passieren würde. Genau wie er. In der plötzlichen Angst sie nie wieder zu sehen, küsste er sie heftig auf den Mund und sog begierig ihren zarten Duft ein. Er sah ihr tief in die Augen und sie blickte ihn mit den königsblauen Augen funkelnd an. Sowohl aus Liebe als auch vor Angst. „Ich mach mir eher um dich Sorgen, als um mich“, flüsterte er ihr zu. Wieder knurrte der Hund und Winselte lautstark. Dann ein Knall. Das Herz rutschte ihm in die Hose. Verloren klammerte Anastasia sich an ihn, doch er musste sehen, was dort im Flur geschah. Er hielt noch seinen Finger an den Mund, um ihr zu bedeuten, ja keinen Ton von sich zu geben, dann schloss er vorsichtig die Schranktür und packte sich eine der beiden Nachttischlampen. Als er sich der Tür näherte musste er schockiert feststellen,dass sich eine rote Flüssigkeit den Weg unter der Tür durch bahnte. Lodernde Wut und beißende Angst flossen durch seine Adern. Es passiert genau wie im Traum, dachte er. Sein Herz pochte. Von der anderen Seite der Tür wahr auf einmal eine tiefe Stimme zu vernehmen: „Ich weiß dass ihr da drin seit. Euer dummer Hund hat euch verraten!“ Emil runzelte die Stirn. Er erkannte die Stimme nicht. Doch er hörte wie Anastasia im Schrank scharf die Luft einsog. Ihn durchfuhr ein Geistesblitz. Das war… Ja natürlich! Das war dieser dreckige Mistkerl, der fast ihre Hochzeit versaut hatte. Der Stalker, der schon ewig in Anastasia verknallt ist, nur weil sie die gleiche Haarfarbe hat, wie irgendeine berühmte Person in die er angeblich verschossen ist. Ich dachte, die Polizei hätte ihn eingesackt. Fünfzehn Jahre. Für Totschlag und Vergewaltigung einer anderen Frau, die zufälligerweise Anastasia sehr ähnlich gesehen hatte. Die Sexuelle Belästigung an Anastasia war bloß ein kleines Nebendelikt. Vielleicht ist er ja ausgebrochen?, dachte Emil verwirrt. Dann sprang die Tür auf, mit vollem Karacho. Leider hatte Emil die Schrecksekunden nicht ausgenutzt und die schon zum Schwung angesetzte Lampe landete klirrend auf dem Boden, als der völlig in schwarz gekleidete Mann sie ihm aus der Hand schlug. Bevor es Emil noch mitbekommen konnte schlug der Einbrecher ihm so feste ins Gesicht, dass er zu Boden ging. Ihm wurde kurz schwarz. Als er die Augen wieder öffnete lag alles verwüstet da und der perverse Stalker wollte sich gerade an seiner Frau vergehen. Benommen und noch etwas wackelig hob er die zerschmetterte Lampe wieder auf und wollte sie gerade dem Mann in schwarz über den Kopf hauen, doch der holte plötzlich eine Pistole raus. „Lass das gefälligst fallen oder ich puste ihr den Kopf weg!“ Brutal hielt er sie an der Haaren fest und die Pistole an ihren Kopf gepresst. Sie war schon fast nackt. Bloß ihre verrutschte Unterhose und den BH trug sie noch. Und ihr Gesicht war feucht, die Augen gerötet. Wie lange war er bewusstlos gewesen? Während er die Lampe klirrend fallen lies fiel ihm auf, dass in der Wohnung gegenüber Polizisten zu ihnen starrten. „Du kleiner Bastard setzt dich jetzt neben uns und siehst zu wie ich das mit deiner kleinen Schlampe mache, was sie verdient hat. Wenn du dich auch nur einen Millimeter rührst bist nicht nur du, sondern auch sie tot.“ Verärgert setzte er sich langsam aufs Bett und verfluchte die Wohnung, die im fünften Stock lag und nicht im Erdgeschoss, dann hätten sie einfach durch das Fenster fliehen können. Fieberhaft dachte er darüber nach ob die Polizisten wegen ihnen hier waren oder nur ganz zufällig rüber geschaut hatten und er zusehen müsste wie dieses Schwein sich seiner Frau auf zwängte. Anastasia hatte die Polizisten anscheinend nicht gesehen, denn sie schien ihn durch Augenkontakt quasi anzuschreien: „Bitte, lass das nicht zu! Ich liebe dich, ich will nicht sterben.“

Aber er konnte nur abwarten und hoffen, dass der Perversling noch nichts mitbekommen hatte. Sie würden sicher bald kommen. Was aber wenn sie nicht kommen? Dann vergeude ich nur wichtige Zeit! Der Einbrecher fing an seine      Jacke auszuziehen und hielt dabei die Pistole fest auf Anastasia gerichtet. Dann zog er seine Hose aus und zwischendrin spielte er immer wieder an ihren Brüsten, was Emil fast zu Weißglut brachte. Gerade, als er sich die Unterhose wegreißen wollte, konnte Emil sich nicht mehr beherrschen, er sprang auf und schlug dem Fremden so fest ins Gesicht, dass er mindestens drei Knochen zerschmettert hatte. Die Pistole fiel scheppernd zu Boden und genau in diesem Moment hob ein Polizist sie auf. Fünf weitere stürmten herein, mit großen Waffen und Pistolen. Alle in blauer Uniform. „Keine Bewegung!“, schrie der Eine. Der Stalker hob ertappt die Hände. Alle Waffen waren auf ihn gerichtet. Gerade als ein Polizist auf ihn zuging, um ihn abzuführen, stürmte er in einem Fluchtversuch aus der Tür. Doch er kam nicht weit. Sein Oberkörper wurde im Kugelhagel zerfetzt. Emil wurde schlecht. Er sah alles wie in Zeitlupe und musste erschüttert feststellen, dass sich ein gewisses Wohlgefühl in ihm ausbreitete, als er verstand, dass dieser Soziopath tot war. Er blickte zu Seite und sah seine geschändete Frau an. Sie zitterte und starrte auf die blutende Leiche. „Emil“, flüsterte sie betrübt, sah aber nicht zu ihm hin. Er stand auf und legte ihr schnell einen seiner Pullis über die nackten Schultern, um sie vor noch mehr Pein zu schützen. Während die Polizisten sie noch vor Ort befragten, wurde die Leiche weggetragen und Anastasia klammerte sich die ganze Zeit über an ihm fest.

Ja, er hatte es geschafft. Knapp, aber er hatte es geschafft.

 

Nie mehr würde er diese Träume wahr werden lassen!

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8 Gedanken zu “Tödliche Träume

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